Johanna Soller zählt als Dirigentin, Cembalistin und Organistin zu den profiliertesten und visionärsten Künstlerpersönlichkeiten im Bereich der Historischen Aufführungspraxis. Seit 2025 leitet sie als Künstlerische Leiterin die Nederlandse Bachvereniging (Netherlands Bach Society) und prägt damit das nächste Kapitel eines der weltweit traditionsreichsten und führenden Bach-Ensembles. Ihr Schaffen zeichnet sich durch eine tiefe Verwurzelung in der musikalischen Rhetorik, eine ausgeprägte Entdeckerfreude und eine Dramaturgie aus, die weit über das Barockrepertoire hinausreicht.

Ein Kern ihrer künstlerischen Vision ist ihr außergewöhnliches Gespür für innovative Programmgestaltung. Soller konzipiert Spielzeiten, die vertrautes Repertoire aus unkonventionellen Perspektiven beleuchten, vergessene Werke wiederentdecken und Epochen überspannende Dialoge stiften. So stellt sie Bach und dessen Zeitgenossen Werken von Arvo Pärt, John Cage, Igor Strawinsky oder Mathilde Wantenaar gegenüber – ein Ansatz, der gleichermaßen von ihrer stilistischen Bandbreite wie von ihrem hohen konzeptionellen Anspruch an das Ensemble zeugt.

Neben ihrer Arbeit mit der Nederlandse Bachvereniging ist Johanna Soller eine international gefragte Gastdirigentin führender Originalklang-Ensembles und renommierter Sinfonieorchester in ganz Europa. Engagements führten und führen sie unter anderem zum Rotterdam Philharmonic Orchestra, zum Orchestra of the Age of Enlightenment, zur Kammerakademie Potsdam, zum BBC Philharmonic, zum Hallé Orchestra, zum Antwerp Symphony Orchestra, zu Collegium Vocale Gent, dem B'Rock Orchestra, der Bachstiftung St. Gallen, dem Dunedin Consort und den Münchner Symphonikern. Von 2023 bis 2026 stand sie zudem als Künstlerische Leiterin an der Spitze des Münchener Bach-Chores und Bach-Orchesters. Ihr weitgespanntes Repertoire reicht von Monteverdi, Bach und Händel über Mozart und Mendelssohn bis hin zu Frank Martin und der zeitgenössischen Musik.

Ein wesentliches Standbein ihrer Karriere bildet das Musiktheater. 2025 feierte sie mit Händels Susanna an der Opera North einen großen Erfolg, bei dem ihr The Times ein „außergewöhnliches Gespür für dramatisches Timing“ („real gift for dramatic pacing“) attestierte. Es folgte Johann Christian Bachs Zanaida mit der Kammerakademie Potsdam bei der Potsdamer Winteroper – eine Produktion, die für ihre szenische Vitalität, rhythmische Präzision und instrumentale Detailtiefe gefeiert wurde. Zu ihren künftigen Projekten gehören Cavallis Eliogabalo an der Komischen Oper Berlin, sowie ihr Debüt an der Garsington Opera mit Mozarts Così fan tutte am Pult des Philharmonia Orchestra.

Mit dem von ihr gegründeten Barockensemble capella sollertia widmet sie sich vor allem unbekannterem Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts. Ihre vielbeachtete, vier CDs umfassende Gesamteinspielung der 18 Leipziger Kantaten von Johann Ludwig Bach beim Label Ricercar rückte dieses außergewöhnliche Gesamtwerk erstmals in den Fokus der internationalen Musikwelt. Die Aufnahme wurde mit dem Gramophone Classical Music Award und dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, vom Magazin Gramophone zur „Recording of the Month“ gewählt und von The Times mit fünf Sternen als „treasure chest of delights“ gewürdigt. Beim Bachfest Leipzig präsentierte sie dieses Repertoire in einer direkten Gegenüberstellung mit Werken von Johann Sebastian Bach.

Die Fachkritik hebt an Sollers Dirigaten regelmäßig die akribische Detailarbeit bei gleichzeitig immenser dramatischer Wirkung hervor. So lobte das Magazin concerti im Rahmen einer Aufführung von Bachs Matthäus-Passion ihre „nie gehörten orchestralen Nuancen, vokalen Farben und dynamischen Differenzierungen“ sowie das „Wunder einer Intensivierung durch Zurücknahme“. Ihre Interpretation von Mendelssohns Elias in der Basilika Ottobeuren wurde von der Allgäuer Zeitung als „Weltklasse-Leistung“ und „in jeder Hinsicht zukunftsweisende Aufführung“ beschrieben.

Als versierte Continuo-Spielerin konzertierte sie mit Ensembles wie dem Freiburger Barockorchester oder Vox Luminis. Das Musizieren vom Cembalo oder der Orgel aus ist bis heute ein elementares Fundament ihrer Arbeit als Dirigentin geblieben.

Johanna Soller studierte Cembalo und Historische Aufführungspraxis bei Christine Schornsheim sowie Dirigieren, Kirchenmusik und Orgel an der Hochschule für Musik und Theater München, wo sie anschließend von 2018 bis 2026 unterrichtete. Sie ist Preisträgerin des Internationalen Musikwettbewerbs des Prager Frühlings, Trägerin des Bayerischen Kunstförderpreises und wurde mit dem renommierten Eugen-Jochum-Preis für Dirigenten ausgezeichnet. Zukünftige Projekte, Kooperationen und Meisterklassen führen sie an internationale Spitzeninstitute wie die Royal Academy of Music in London, das Conservatoire de Paris und die Juilliard School in New York.